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Konzern-IT-Gesellschaften unter der NIS-2-Richtlinie – Neue Herausforderungen für Managed Service Provider und Managed Security Service Provider?
Viele Konzerne oder Unternehmensgruppen betreiben eine eigene IT-(Service) Gesellschaft, die bspw. ERP, MS 365 & Co. ausschließlich für andere Konzerngesellschaften bereitstellt. Mit Geltung der neuen Vorgaben der NIS-2-Richtlinie stellt sich die Frage, ob diese eigene interne IT nach dem deutschen NIS-2-Umsetzungsgesetz (= § 2 Nr. 26 BSIG) als „Managed Service Provider“ (MSP) einzuordnen ist – und sich daher spezifische Pflichten ergeben. Nach der Norm handelt es sich hierbei um einen „Anbieter von Diensten im Zusammenhang mit der Installation, der Verwaltung, dem Betrieb oder der Wartung von IKT-Produkten, -Netzen, -Infrastruktur, -Anwendungen oder jeglicher anderer Netz- und Informationssysteme durch Unterstützung oder aktive Verwaltung in den Räumlichkeiten der Kunden oder aus der Ferne“.
Die Situation in Deutschland
Die Gesetzesbegründung zum deutschen NIS-2-Umsetzungsgesetz ist insoweit erstaunlich deutlich (S. 132):
"Die Rolle des MSP setzt einen gewissen Grad an tatsächlichem Zugriff auf IKT-Produkte, -Netzwerke oder -Infrastrukturen voraus und ist insofern etwa von reinen Beratungstätigkeiten abzugrenzen. Eine Mindestanzahl an Kunden ist dagegen nicht Voraussetzung für die Einstufung als MSP, so fallen z. B. auch Unternehmen, die ausschließlich den zentralen IT-Betrieb eines Unternehmensverbundes übernehmen, in der Regel unter den Begriff des MSP.“
Maßgeblich ist also, wie die konzerninterne IT agiert. Das heißt, aktiver Betrieb, Verwaltung, Wartung, Monitoring oder Zugriff auf kritische Systeme sprechen eher für die Einordnung als MSP.
Damit rücken viele zentrale Konzern-ITs in den Anwendungsbereich des BSIG – mit entsprechenden Pflichten zu Sicherheitsmaßnahmen, Incident-Handling und Reporting.
Die Situation in den anderen EU-Mitgliedstaaten
Abgesehen von diesem verhältnismäßig klaren deutschen Standpunkt stellt sich, aufgrund des europarechtlichen Ursprungs der Vorgaben, die Frage, wie es die anderen EU-Mitgliedstaaten mit der Einordnung von MSPs halten. Schließlich basiert das NIS-2-Umsetzungsgesetz auf der gleichnamigen NIS-2-Richtlinie, welche jeder EU-Mitgliedstaat – unter Ausnutzung gewisser Spielräume – umsetzen muss.
Der Begriff des MSP findet sich auch in anderen Umsetzungsgesetzen, so z. B. in § 3 Nr. 23 des österreichischen Netz- und Informationssystemsicherheitsgesetzes: „Im Sinne dieses Bundesgesetzes bedeutet „Anbieter verwalteter Dienste“ (Managed Service Provider) eine Einrichtung, die Dienste im Zusammenhang mit der Installation, der Verwaltung, dem Betrieb oder der Wartung von IKT-Produkten, Netzen, Infrastruktur, Anwendungen oder jeglicher anderer Netz- und Informationssysteme durch Unterstützung oder aktive Verwaltung erbringt, dies entweder in den Räumlichkeiten der Kunden oder aus der Ferne;“. Entsprechende Erläuterungen in der österreichischen Gesetzesbegründung, wie sie sich in der vorgenannten deutschen finden, existieren indes nicht. Auch andere europäische Gesetze zu diesem Thema sind nicht ergiebig.
Stattdessen lassen die anderen mitgliedstaatlichen Umsetzungsgesetze – wenn überhaupt – nur Indizien zur Beantwortung dieser Frage erkennen.
So heißt es unter Ziff. 8.3 Anhang II des kroatischen NIS-2-Umsetzungsgesetzes (UREDBU O KIBERNETIČKOJ SIGURNOSTI) (übersetzt): „…die Überprüfung des Status der Kategorisierung von Managed Service Providern und Anbietern von verwalteten Sicherheitsdiensten erfolgt über die Zentralstaatliche Behörde für Cybersicherheit…“. Daraus lässt sich ableiten, dass die kroatische Cybersicherheitsbehörde zukünftig ggf. darüber entscheiden wird, ob eine (kroatische) Konzern-IT als MSP einzuordnen ist.
Darüber hinaus heißt es in der Gesetzesbegründung des polnischen NIS-2-Umsetzungsgesetzes (übersetzt): „Das nationale Cybersicherheits-Zertifizierungssystem wird eine wertvolle Ergänzung zum europäischen Cybersicherheitssystem darstellen. Es wird ein präzises System zur Bewertung von IKT-Produkten, IKT-Dienstleistungen, IKT-Prozessen und Managed Services im Bereich der Sicherheit schaffen, wodurch Produkte identifiziert werden können, die den besten Standards im Bereich der Cybersicherheit entsprechen.“ (S. 4). Aus diesem nationalen Cybersicherheits-Zertifizierungssystem könnten sich zukünftig ggf. nähere Anhaltspunkte ableiten lassen, ob auch nach polnischer Sichtweise eine Konzern-IT als MSP einzuordnen ist.
Neben diesen Indizien gibt es zumindest erste behördliche Anhaltspunkte, wie andere Mitgliedstaaten zu dem Thema stehen.
So teilt das Center for Cybersecurity Belgium, die zentrale Behörde für Cybersicherheit in Belgien, in ihren NIS-2-FAQ Folgendes mit: „Die Definition des Begriffs "Anbieter verwalteter Dienste" ist relativ weit gefasst und umfasst drei verschiedene Bedingungen:
1) Entweder Installation, Verwaltung, Betrieb oder Wartung;
2) Entweder von IKT-Produkten, Netzen, Infrastrukturen, Anwendungen oder anderen Netz- und Informationssystemen;
3) Durch Unterstützung oder aktive Verwaltung (vor Ort oder aus der Ferne).
Diese 3 Bedingungen müssen alle kumulativ erfüllt sein, um unter die Definition zu fallen.“ (S. 39). Da der Begriff des MSP von der belgischen Behörde also eher weit gefasst verstanden wird, könnte dies dafür sprechen, dass nach belgischer Lesart auch eine Konzern-IT unter den Begriff des MSP fällt.
Auch die italienische Cybersicherheitsbehörde, Agenzia per la cybersicurezza nazionale, hat entsprechende FAQ erstellt. Zwar äußert sie sich zu MSP (Ziff. A 1.9.1 – A 1.9.5), wenn auch nicht ausdrücklich zur Frage der Konzern-IT. Jedoch heißt es dort (übersetzt) unter Ziff. A 1.9.1: „Gemäß dem NIS-Dekret [Anm. d. Autors: Gemeint sein dürfte mit „Dekret“ das nationale NIS-2-Umsetzungsgesetz „DECRETO LEGISLATIVO 4 settembre 2024, n. 138“] gilt der Bereich Verwaltung von IKT-Diensten (Business-to-Business) als hochkritisch.
In seinen Anwendungsbereich fallen alle Organisationen, die der nationalen Gerichtsbarkeit unterliegen, die die in der Empfehlung 2003/361/EG festgelegten Obergrenzen für kleine Unternehmen überschreiten und Tätigkeiten ausüben, die den in Anhang I Nummer 9 der NIS-Verordnung genannten Arten von Einrichtungen zuzuordnen sind.
[…]
Zur Vervollständigung der Informationen verweisen wir auf FAQ 3.1, in der der allgemeine Selbstbewertungsprozess beschrieben wird, den Organisationen durchführen müssen, um festzustellen, ob eine Registrierung erforderlich ist oder nicht.“.
Und dann unter Ziff. 3.1: „Schließlich ist zu beachten, dass alle Organisationen, die Teil einer Unternehmensgruppe (verbundene und/oder assoziierte Unternehmen) sind und die Kriterien gemäß Artikel 3 Absatz 10 des NIS-Dekrets erfüllen, unabhängig von ihrer Größe in den Anwendungsbereich des NIS-Dekrets fallen (siehe FAQ 2.14).“. Klammert man die Frage der Größe einmal aus, so dürften nach Einschätzung der italienischen Behörde im Einzelfall auch Konzerngesellschaften, die IT-Dienstleistungen erbringen als MSP einzuordnen sein. In jedem Fall formuliert die Behörde ihre Einschätzung scheinbar ausnahmslos.
Ergebnis & Empfehlung
Im Ergebnis scheinen also auch andere Mitgliedstaaten von einer eher umfassenden Definition des Begriffs MSP auszugehen, was dafür spricht, dass Konzerngesellschaften, welche IT-Dienstleistungen für eine Konzerngruppe erbringen, als MSP einzuordnen sind.
Mit Blick auf die laufende Frist von drei Monaten ab Geltung des neuen BSIG zur Registrierung (§ 33 Abs. 1 BSIG), empfiehlt es sich in jedem Fall genau zu prüfen, ob man die eigene IT entsprechend einordnet oder eben nicht. Insbesondere für international tätige Unternehmensgruppen empfiehlt es sich, auch die Einschätzungen weiterer Cybersicherheitsbehörden im Blick zu behalten.
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Dr. Carlo Piltz im Podcast heise meets…. Datenschutz- & Security-Compliance im Unternehmen
Dr. Carlo Piltz war zu Gast im Podcast heise meets… und spricht dort über die wichtigsten rechtlichen Anforderungen zu Datenschutz & Security-Compliance.
Cyberangriffe treffen nicht nur Großkonzerne, auch kleine Unternehmen sind immer häufiger betroffen. Neben technischen Anforderungen sind auch rechtliche Richtlinien erforderlich, um Daten, Mitarbeiter, Kunden und das Unternehmen zu schützen. Die wichtigsten Gesetze und Richtlinien erläutern wir im Podcast und geben Hinweise, was Unternehmen zwingend beachten sollten.
Reinhören lohnt sich.
Piltz Legal Whitepaper zur Umsetzung der Modernisierungsrichtlinie
Das Umsetzungsgesetz zur Modernisierungsrichtlinie („Mod-RL“) ist am 28. Mai 2022 in Kraft getreten. Die Mod-RL modifiziert die Digitale-Inhalte-Richtlinie sowie die Verbraucherrechte-Richtlinie. Mit der Umsetzung wurden Teile des BGB und EGBGB an die Vorgaben der Mod-RL angepasst. Transparenz- und Informationspflichten stehen dabei im Mittelpunkt, einige Änderungen gibt es auch beim Widerrufsrecht.
Deutschlands beste Anwälte 2022 – Dreifache Auszeichnung für Piltz Legal
Wir freuen uns sehr über drei Auszeichnungen im Ranking „Deutschlands beste Anwälte 2022“ des Handelsblattes in Kooperation mit dem US-Verlag Best Lawyers.
OLG Schleswig-Holstein: keine Pflicht zur Ende-zu-Ende Verschlüsselung bei Geschäftsgeheimnissen
In seinem Urteil vom 28. April 2022 (Az. 6 U 39/21) entschied das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht, welche Geheimhaltungsmaßnahmen angemessen i. S. v. § 2 Abs. 1 Nr. 1 lit. b GeschGehG sind. Außerdem hat sich das Gericht mit der Frage auseinandergesetzt, ob ein Individualinteresse ein berechtigtes Interesse zur Nutzung des Geschäftsgeheimnisses i. S. v. § 5 GeschGehG begründen kann.
Gesetz für faire Verbraucherverträge – Wichtige Änderungen und Handlungsbedarf für Unternehmen
Das „Gesetz für faire Verbraucherverträge“ ist seit dem 1. Oktober 2021 zu großen Teilen in Kraft. Durch die Änderung der entsprechenden Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) und des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) wird die Kündigung von Langzeitverträgen für Verbraucher erleichtert, das AGB-Recht verschärft und die Dokumentationspflichten für die Einwilligung bei Telefonwerbung erweitert. Da die Neuregelungen stufenweise in Kraft traten, gelten aktuell bereits neue Vorgaben für die Verwendung von AGB sowie die erweiterten Dokumentationspflichten für die Einwilligung in die Telefonwerbung. Ab dem 1. Juli 2022 gelten darüber hinaus die neuen Regeln für die Kündigung von Verbraucherverträgen, die über eine Website geschlossen wurden.
Datenschutzkonferenz zum Online-Handel – Behörden argumentieren für Pflicht zum Anbieten eines Gastzugangs und tendieren stark zur Einwilligung
Die Konferenz der unabhängigen Datenschutzaufsichtsbehörden des Bundes und der Länder (DSK) hat einen Beschluss zum datenschutzkonformer Online-Handel mittels Gastzugang veröffentlicht. Der Beschluss enthält 4 Kernthesen zu Anforderungen, die laut der DSK für Online-Händler bestehen. Viele der darin enthaltenen Aussagen kann man zumindest als kontrovers bezeichnen. So verlangt die DSK von Online-Händlern, dass diese immer auch einen Gastzugang für Bestellungen anbieten. Zudem gehen die Behörden davon aus, dass für das Einrichten eines fortlaufen geführten Kundenkontos immer eine Einwilligung erforderlich sei und eine solche Einwilligung nicht freiwillig erteilt werden kann, wenn nicht auch ein Gastzugang ohne Registrierung angeboten werden würde. Die Nutzung von im Vertragsverhältnis erhobene Daten für Werbezwecke soll laut der DSK ebenfalls nur mit einer Einwilligung rechtfertigbar sein. Dasselbe gilt laut der Behördenansicht auch für die Speicherung von Zahlungsdaten. Im Folgenden werden die Kernaussagen der DSK zusammengefasst und hinterfragt.